Aus der Kulturabteilung

„Noch mehr lernen und das Wissen weitergeben":

Schacht 2/5 Glück auf !

Ehemaliger Geschäftsführer des Japanischen Clubs Düsseldorf, Herr Goro Hiyama

Der im Titel vorkommende Name „Schacht 2/5” weckt alte Erinnerungen. Es war der Name eines Grubenbaus der in Duisburg-Hamborn gelegenen Kohlenbergwerksfirma Friedrich Thyssen und jeder, der damals in der Stadt wohnte kannte ihn. Doch im Jahr 1976 wurde dieser Schacht, nachdem er 100 Jahren betrieben wurde, stillgelegt. Mit den Worten „Glück auf!”, was so viel bedeutet wie „Komm heil wieder zurück!“ begrüßten sich die Bergleute untereinander zu jeder Tageszeit und es sind Worte voll Anteilnahme mit denen man, einander Sicherheit und Glück wünschte.

S.7 obenDie nicht nur in dieser Stadt sondern im ganzen Ruhrgebiet verstreut liegenden Kohlebergwerke stehen in enger Verbindung zu Japan. Diese Verbindung hat den näheren Hintergrund, dass in den Jahren von 1957 bis 1967 fünf Mal insgesamt 436 japanisch Bergarbeiter nach Deutschland entsandt wurden, mit den Zielen, 1. die fortgeschrittene Bergbautechnik Deutschlands zu erlernen, 2. die wirkliche Situation der westlichen Demokratie am eigenen Leibe zu erfahren und 3. den Mangel an Arbeitskräften im deutschen Bergbau entgegen zu wirken und einen Beitrag zur japanisch-deutschen Freundschaft zu leisten. Ich glaube, dass diese Bergleute, die am Ende ihres dreijährigen Vertrages nach Japan zurückkehrten, mit dem in Deutschland Erlernten und ihren Erfahrungen, den Gemeinden ihres eigenen Landes, einen großen Dienst erwiesen haben. Dass dieser Austausch auch zum Beginn der Förderung der japanisch-deutschen Freundschaft einen großen Beitrag geleistet hat, möchte ich als geschichtlichen Fakt gerne hinzufügen. Als ich hörte, dass Personen, die ihre Dienstzeit in den deutschen Kohlebergwerken beendet hatten und nach Hause zurückgekehrt waren, planten, erneut und diesmal auf eigene Faust nach Deutschland überzusiedeln, meldete ich mich für die Mitreise an, obwohl ich keinerlei Erfahrung im Bergbau hatte. Im Jahr 1965 wurde ich als einer der versammelten Anwärter mitgenommen und mein Leben als Bergmann in Deutschland begann. Man wies mir den Schacht 2/5 als Arbeitsort zu und ich erhielt einen einmonatigen Sprachkurs sowie praktisches Arbeitstraining. Dort sah ich, wie die Bergarbeiter nach beendeter Arbeit einer nach dem anderen aus 800 Meter tiefe nach oben kamen. Jeder von ihnen war auf gleiche Art und Weise bis auf Augen und Lippen pechschwarz und zunächst fand ich es unheimlich interessant und wollte wissen, warum sie so schwarz geworden waren…

Und dann kam der Tag an dem mein Training endete und ich das erste Mal an den wirklichen Arbeitsort ging. Ich zog meine Arbeitskleidung an, befestigte eine Laterne und eine Büchse mit eine Gasmaske daran und dann fuhren wir der Reihe nach mit dem Aufzug 800 Meter in die Tiefe. Mit der Draisine ging es zum Arbeitsort und dann mit einem Eisenkäfig, bei dem man dachte „Oh Gott, ob das wohl gut geht!?“ weitere 100 Meter tiefer in den darunter liegenden Tunnel. Mein erster Einsatzort war ein Tunnelschacht. An einer Stelle, die sich durch den Druck der Erde verengt hatte, mussten Ausweitungsarbeiten durchgeführt werden. Je näher ich diesem Ort kam, desto mehr wunderte mich, wie schwer das Atmen bei dem stets in der Luft verbreiteten Kohlenstaub war und auch über die Hitze, die so stark war, das man eigentlich keine Arbeitskleidung tragen musste. Es war eine richtige Schwerstarbeit. Besonders schlimm war es, wenn mit Dynamit gesprengt wurde, um die vorderste Front des Tunnels weiter voran zu graben, denn dann verbreitete sich der Kohle- und Steinstaub so sehr, dass man keinen Zoll weit mehr sehen konnte. Ich dachte: „Ich kann nicht aufhören zu atmen...!“ und verdeckte hastig und in Panik Nase und Mund mit einem Tuch. Es war weder interessant noch wundersam. Der Kohlestaub klebte durch den Schweiß hartnäckig am Körper und man wurde von unten bis oben pechschwarz, bis nur noch Augen und Lippen frei blieben. „Das ist eine Arbeit, die Menschen verrichten sollen!? Wo bin ich hier nur gelandet?“ Zum Glück ist mein Körper ist ziemlich robust. Der eingeatmete Kohlenstaub kommt gemischt mit Schleim wieder aus dem Körper heraus, doch dass Felsstaub in der Lunge zurück bleibt ist sehr wahrscheinlich und manche Arbeiter entwickeln eine Staublunge. Außerdem erhielt ich mit einer „Bergmanntätowierung“ meine Taufe. Besonders bei Verletzungen auf dem Rücken, von spitzen Felsen die bröckelig herunterfallen und bei Schnittwunden, die man sich während der Arbeit zuzieht, dringt der Kohlenstaub in die Haut ein und bleibt, wenn man die Wunde nicht auswäscht, als Tätowierung zurück. Mich überkam der Gedanke: „Ich kann diese Arbeit nicht für immer machen...!“ Als ich mich schließlich an diese Arbeit gewöhnt hatte, kam der Tag, an dem ich bei einem Unfall meine Finger verletzte. Da ich die Arbeit sowieso machen musste, nutze ich die Gelegenheit und suchte mir einen hochmodernen Kohleförderungsort als Arbeitsplatz aus. Ich verfiel dem Gedanken, dass diese Arbeit sehr gefährlich war und, dass eine Arbeit, die die Grenzen von Körper und Geist überschritt, für mich nicht möglich wäre. Doch ich schaffte es, mich körperlich und geistig auch daran zu gewöhnen. So arbeitete ich drei Jahre in der Kohleförderung und zog mir in dieser Zeit neben der zuvor genannten Verletzung, eine Wunde an der Stirn, die mit vier Stichen und eine Wunde am Knie, die mit zwölf Stichen genäht wurden musste, zu. Glücklicherweise hatte ich darüber hinaus keine weiteren Unfälle. Doch es gab auch Tage, an denen ich, wenn ich hörte, dass jemand bei einem Einsturz oder Ähnlichem ums Leben gekommen war oder sich schwer verletzt hatte, den Gedanken „Heute bin vielleicht ich an der Reihe...!“ in einer Ecke meines Kopfes mit mir umhertrug. So sammelte ich viele Erfahrungen, die man an der Oberfläche auf diese Art und Weise nicht erleben kann und schließlich endeten meine vier Jahre als Bergmann. Ich war erleichtert bei dem Gedanken daran, dass ich nie wieder in den Stollen hinab musste. Auf der anderen Seite war ich dankbar dafür, dass ich das Selbstbewusstsein erworben hatte, jede Arbeit über Tage durchführen zu können.

In dieser Bergbaustadt war für einige die Liebe zu deutschen jungen Damen erblüht und von denen, die als Vorreitern der japanisch-deutschen Freundschaft gekommen waren, hatten sich insgesamt 17 Haushalte niedergelassen. Jeder von ihnen hatte einen höheren Rang als Bergarbeiter erworben, und war Steiger (Grubenvorsteher), der die Verantwortung für ein ganzes Bergbaugebiet trug, Meister oder Elektroingenieur geworden. Eine Leistung, vor der ich großen Respekt hatte. Dank dem, was meine Vorgänger auf diese Art und Weise aufgebaut hatten, war man Japan gegenüber positive eingestellt und auch ich habe mit meinen Arbeitskollegen einen freundschaftlichen Umgang gepflegt.

Seit ich als Bergmann aufgehört habe, sind 40 Jahre vergangen. Zu einigen der Personen, die ich damals kannte, brach der Kontakt ab, andere sind leider verstorben, doch mit vielen habe ich auch später noch einen regen Kontakt gepflegt. Heute erledige ich stellvertretend für die Ehefrauen bereits verstorbener Kumpel die Beantragung der Witwenrente in Japan und ich bin weiterhin mit vielen Deutschen befreundet, bekannt oder habe ihre freundliche Unterstützung erhalten. Ich hatte das Vergnügen 33 Jahre im Japanischen Club zu arbeiten, und meine Bemühungen um die Förderung der japanisch-deutschen Freundschaft, die ich hier unternommen habe, möchte ich auch in Zukunft mit Eifer fortführen, um einen kleinen Teil meiner Dankesschuld zu begleichen.

S.7 untenDieses Foto zeigt das in Bochum gelegene Deutsche Bergbau-Museum und ich empfehle Ihnen es einmal zu besuchen.

Ort:    Deutsches Bergbau-Museum Bochum
Am Bergbaumuseum 28
44791 Bochum