Die Maltechnik der Freskomalerei


Die Maltechnik der Freskomalerei

In Europa kann man vielerorts in Kirchen, aus der Zeit der Romanik (10. bis 13. Jahrhundert) und Renaissance zahlreiche Wandmalereien bewundern. Die sich im Vatikan befindenden Werke von Michelangelo und Raffael, zählen darunter zu den berühmtesten. Es versteht sich von selbst, dass sich solche Werke von Gemälden in Bilderrahmen unterscheiden und nicht bei Ausstellungen in anderen Ländern präsentiert werden können. Man muss schon bis zum Ort des Geschehens reisen und diese Malereien, genauso wie zu der Zeit ihrer Erschaffung, im freien Raum betrachten.
Und auch, was die Fertigungsmethode betrifft, sind Wandmalereien besondere Kunstwerke. Angefangen bei Ölbildern, wird für das Erstellen der meisten Gemälde Farbe aus einer Mischung aus Farbpigmenten und einem Bindemittel genutzt. Ist dieses Bindemittel Öl, nennt man die Technik Ölmalerei; ist es Gummiarabikum spricht man von Aquarellbildern und ist es Leim, handelt es sich um Gemälde im japanischen Stil. Auf diese Weise kommen immer Farbpigmente (meist mineralische Farbpuder) und ein Bindemittel (ein Klebstoff, der die Farbe fixiert) zum Einsatz und geben Gemälden dadurch ihre unterschiedlichen Besonderheiten. Im Gegensatz dazu ist die Besonderheit von historischen Wandmalereien, dass grundsätzlich kein Bindemittel für ihre Erstellung genutzt wird. Die Farbpigmente werden nur in Wasser aufgelöst und auf die zu bemalende Fläche aufgetragen. Wird kein Bindemittel genutzt und die Farbpigmente somit nicht fixiert, löst sich normalerweise die Farbe leicht wieder von der Oberfläche ab, doch im Falle von Wandgemälden absorbiert der Putz (Ca (OH)2) der Wand das sich in der Luft befindende Kohlendioxid (CO2) und wandelt es in Kalziumkarbonat (CaCO3) um. Durch diesen Prozess werden die Farbpigmente mit einer dünnen Membran überzogen. Eine auf diese Weise entstandene Farbschicht ist so widerstandsfähig, dass sie bei Verschmutzung mit Wasser und einer Scheuerbürste gereinigt werden kann. Es scheint, dass bei den steinzeitlichen Wandmalereien der Höhle von Lascaux auf natürliche, oder besser gesagt, auf zufällige Art und Weise eine fixierende Membran über den Farbpigmenten entstand, die durch die Feuchtigkeit von kalkhaltigem Grundwasser gebildet wurde. Eigentlich ist für die Bildung einer solchen Schutzmembran jedoch grundlegendes Fachwissen notwendig. Bei den Stein- und Ziegelwänden von Kirchen oder Kathedralen müssen zunächst 4 bis 5 Schichten Gips auf die Wand aufgespachtelt werden, um das Fundament für das Wandgemälde zu schaffen. Gips erhält man, wenn man das weiße Pulver (Löschkalk), das z.B. benutzt wird, um auf Sportplätzen die weißen Linien zu ziehen, mit einen Zuschlagstoff wie Sand mischt und mit Wasser zusammen durchknetet. Die Arbeitsschritte bis zu diesem Punkt gehören zur Arbeit eines Stuckateurs. Auf den gefertigten Untergrund der Wand wird nun mit rotbraunem Farbstoff ein Entwurf in Form einer einfachen Skizze aufgezeichnet. Bei manchen Werken aus der Renaissance wurde eine Skizze im gleichen Format des späteren Gemäldes auf Papier angefertigt und diese Skizze dann Punkt für Punkt mit kleinen Löchern versehen. Die so erstellte Vorlage wurde auf die Wand angebracht und von oben mit brauner Farbe bestrichen, so dass auf der Gipswand darunter ein genauer Abdruck des skizzierten Bildes entstand: Bis hierher ist alles jedoch nur Vorarbeit, der wirkliche Teil der Arbeit beginnt an dieser Stelle.
Da das Erstellen der Kalziumkarbonat-Schichten eine chemische Reaktion im Rahmen des Trocknungsprozesses des Gipses ist, ist die Zeit in der ein Bild auf die Gipswand aufgetragen werden kann begrenzt. Wenn der Feuchtigkeitsgehalt des Gipses abnimmt, stoppt die chemische Reaktion und der danach gemalte Teil des Bildes wird nicht mehr fixiert. Mit anderen Worten. Das Bild muss fertig gestellt werden, solange der Gips noch feucht ist. Ein in dieser Form erstelltes Wandgemälde wird allgemein „Fresko“ genannt, was übersetzt „frisch“ bedeutet und meint, dass es ein, auf noch frischen Gips gemaltes, Werk ist. Daher muss das Bild ab dem Punkt der Skizze geplant und eine Bildgröße ausgewählt werden, die man an einem Tag zu Ende malen kann. Nur auf diesen Bereich wird entsprechend der Skizze, in einem ein klein wenig größeren Umfang als ihre Umrisse, Gips präzise auf die Wand aufgetragen. Damit ist die für das Gemälde vorgesehene Bildfläche fertig gestellt. Die mineralischen Farbpigmente werden in angemessener Menge in Wasser aufgelöst und mit einem Schweineborstenpinsel auf die Wand aufgetragen. Dieser Prozess fühlt sich so ähnlich an, wie das Malen mit Wasserfarben in der Grundschule. Wenn man den für den Tag geplanten Teil des Bildes beendet hat, wenn also der Wasseranteil des Gipses abgenommen hat, die Farbe sich nicht mehr gut auftragen lässt und sich die Farbpigmente nicht mehr fixieren lassen, wird der aus dem Bildumriss herausragende Teil des Gipses sauber mit einem Spachtel abgekratzt und ein gerade Schnittfläche an den Rändern erzeugt. Am folgenden Tag beginnt man von dieser Schnittfläche aus den Gips für den Bereich des für den Tag vorgesehenen Bildes aufzutragen und fährt mit den Malarbeiten fort. Grundsätzlich arbeitet man sich bei dieser Art der Malkunst von oben rechts nach links weiter vor und beendet die Arbeit am unteren linken Ende der Skizze. Auf diese Weise wird die Gesamtfläche der Wandmalerei aufgebaut und daher kann man bei genauem Hinsehen auch Fugen im Fresko erkennen. In den meisten Fällen sind die Fugen entlang der Umrisse einer menschlichen Gestalt angelegt.
Bei sehr großen Fresken oder Deckengemälden wird die Tagesmenge der zu gestaltenden Fläche entschieden und dann der Reihe nach gearbeitet. Das Erstellen der Skizze und die Konzeptionsphase des Wandgemäldes erfordern viel Zeit, doch das konkrete Fertigstellung des Wandgemäldes geschieht in viel kürzerer Zeit als man denkt. Da man sehr schnell arbeiten muss, ist der Künstler auch in seiner Ausdrucksfreiheit eingeschränkt. Man sagt, dass Leonardo Da Vinci daher seine eigene Methode ausprobiert hat und der Versuch gründlich schief ging, doch dies ist wieder eine andere Geschichte. Es empfiehlt sich also, diese Umstände einfach hin zu nehmen und flink und ohne Zögern zu malen. Dadurch entsteht bei dieser Technik eine sehr genau und darüber hinaus sehr kühne Pinselführung. Die Kristalle des Kalziumkarbonats haben die kräftige Pinselführung der damaligen Zeit bis heute frisch und klar erhalten. Wandmalereien sind mehr als nur ein einseitiges Kunstwerk, denn sie besitzen auch das wesentliche Element, den sie umgebenden Raum zu gestalten. Beim Betrachten sollte man einen genauen Blick auf die Details der Bildoberfläche zu werfen, da sich hier die Besonderheiten der Wandmalerei zeigen. Durch sie kann man den Atem der Menschen aus längst vergangenen Zeiten spüren.

Herr Hideo Togawa