Aus der Kulturabteilung

Der Weg des Tees: Teezeremonie & praktische Übung

Verfasst von Frau Rie Yamazaki-Rath

Es gab einmal einen Mann namens „Sen no Rikyu“. Er lebte in der zweiten Hälfte der Muromachi-Ära Japans und sein ungewöhnlicher Name ist wohl auch vielen bekannt, die nicht den Weg des Tees praktizieren. Sen no Rikyu ist eine berühmte Figur der Geschichte. Man sagt, dass er als Meister des Teewegs dem Prototyp der heutigen Teezeremonie seine Gestalt verliehen hat. 80-90% der heute praktizierten Teezeremonien werden in der Form durchgeführt, die Rikyu einst geschaffen hat.
Sen no Rikyu wird in Schulbüchern auch als der Teemeister von Toyotomi Hideyoshi (berühmter japanischer Feldherr und Politiker) erwähnt. Ein Teemeister ist mit einfachen Worten erklärt eine Person, die für (die Zubereitung von) Tee verantwortlich ist. Im Falle von Toyotomi Hideyoshi sagt man, er habe sich die Teezeremonie zu Nutze gemacht, um politische Gespräche zu führen. Das ähnelt heutigen Politikern, die beim Golfspiel diplomatische Beziehungen pflegen. Von der Zeit Toyotomi Hideyoshis bis zur ersten Hälfte der Edo-Zeit, als sich das politische System zu wandeln begann, haben die Daimyo (lokale Herrscher im feudalen Japan), die Teezeremonie als ein politisches Mittel genutzt und auch danach war sie die Edo-Zeit hindurch in einem gewissen Sinne der Kriegerklasse vorbehalten. In der darauffolgenden Meiji-Periode, brach die Gesellschaft der Samurai-Krieger zusammen und der Weg des Tees, der zunächst einen Niedergang verzeichnen musste, verbreitete sich langsam auch unter dem einfachen Volk. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass der Teeweg weiterhin größtenteils der Oberschicht vorbehalten blieb.

Das heute jedermann leicht mit dem Zauber der Teekultur in Berührung kommen kann, liegt daran, dass das Erlernen der Teezeremonie heute etwas sehr Naheliegendes geworden ist.
Man sagt, dass das Teetrinken in Form einer Teegesellschaft, bei der viele Personen unter einem Dach zusammenkommen, seinen Anfang nahm, als der Geschäftsmann Takashi Masuda („Dono“) im Jahr 27 der Meiji-Ära ein Treffen von Teemeistern veranstaltete. Bis dahin bewirtete man bei einer Teezeremonie 1-2 oder maximal 3 Personen.
Heute wird man bei solchen großen Tee-Treffen, die „Oyose“ genannt werden, in die vielfältige Welt des Tees eingeführt und die Freude an der Teezeremonie wird weiter verbreitet. Auf gleiche Weise bemühte man sich in der Meiji-Periode um die Wiederbelebung der Teezeremonie. Damals entstand die heutige Kultur des Teeweges, als die Teezeremonie als Unterrichtsfach bei der Ausbildung von Frauen eingeführt wurde und dieser Vorstoß Früchte trug.

Es heißt, dass Sen no Rikyu das Folgende gesagt haben soll: „Der Weg des Tees ist nichts als dies: Zuerst kochst Du Wasser, dann machst Du den Tee und trinkst ihn.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sen_no_Riky%C5%AB)」Und in dem in der Meiji-Zeit von Okakura Tenshin für die westliche Welt verfassten Buch „The Book of Tea“ heißt es: „Dem Weg des Tees zu folgen heißt, Schönheit in den unbedeutenden Dingen des Alltags zu entdecken, diese Schönheit zu preisen und zu verehren.“ In diesen widersprüchlich erscheinenden Worten kommt die Weltanschauung der japanischen Kultur zum Vorschein.
Während auf unbedeutende Dinge großen Wert gelegt wird, würde man diese aber auf keinen Fall mit lauter Stimme aussprechen. Man könnte also sagen, dass die Schönheit der Dinge nicht in Worte gefasst wird.
Den Gastgeber einer Teezeremonie nennt man „Teishu“. Der Gastgeber denkt darüber nach, was für Personen die eingeladenen Gäste sind und unter welchem Thema („Shuko“ genannt) man diese empfängt. Die eingeladenen Gäste bekommen das Thema („Shuko“) des Gastgebers („Teishu“) nicht durch Worte erklärt, sondern spüren und verstehen es durch seine Gastfreundschaft. Ich denke, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in dem genannten „Shuko“ sämtliche Aspekte der japanischen Kultur eingeschlossen sind.

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Foto 1: Teeempfang im Juni

Wenn Sie dies hören, werden bestimmt viele von Ihnen denken, dass der Weg des Tees kompliziert ist und Hemmungen haben, sich dem Thema zu widmen.
Doch wenn die Teezeremonie die Geisteshaltung der japanischen Kultur auf klare Weise zum Ausdruck bringt, kann Sie für Japaner keineswegs eine fremde Welt sein. Ich habe die Teezeremonie zuvor mit Golfspielen verglichen. Lassen Sie sie uns mit einem Marathon-Lauf vergleichen. Das Üben des Teeweges wird hier zum Oberbegriff. Auch wenn Sie als Kind in der Schule beim Sportunterricht gerannt sind und als Erwachsener einen kurzen Sprint einlegen, wenn Sie in Eile sind, wird es Ihnen schwer fallen plötzlich einen ganzen Marathon zu laufen, nicht wahr? Im Falle des Teeweges, verhält es sich ähnlich. Wenn Sie nicht seit Ihrer Kindheit zu Hause im japanischen Kniesitz („Seiza“) Platz nehmen und keine Übung im Trinken von Macha-Tee haben, ist fast alles bei einer Teezeremonie eine neue Erfahrung. Das gilt auch für Japaner. Deswegen ist es wichtig, dass man nach und nach übt und den Weg des Tees weiter fortschreitet.

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Foto 2: Tee wird am Tisch in lockerer Atmosphäre getrunken.

Ich habe zuvor erwähnt, dass bei einer Teezeremonie nicht einfach nur Tee gemacht und getrunken wird (Beim Teeweg wird das Zubereiten als „tateru“ oder „neru“ bezeichnet, was man etwa mit „herrichten“ übersetzen kann, bezeichnet.), sondern alle Aspekte der japanischen Kultur miteinbezogen werden. Das sind z.B. Architektur, Gartenbau, Kunsthandwerk, vor allem Keramik- und Lackkunst, klassische Literatur usw. Deswegen kann man den Teeweg als Gesamtkunstwerk bezeichnen. Eine leichte Mahlzeit „Kaiseki“ genannt und japanische Süßigkeiten sind ebenfalls ein Teil davon. Beim Üben der Teezeremonie, lernt man etwas über die Architektur des Teeraumes, spürt die Jahreszeiten, kommt mit Kunsthandwerk in Berührung, vertieft sein Wissen über die klassische japanische Literatur usw. Sich dadurch selbst zu seelischem Wachstum zu bringen ist ebenfalls Teil des Teeweges. Der Marathon mag noch in der Ferne liegen, aber wenn man einige Zeit geübt hat kann man an einem Halbmarathon teilnehmen, nicht wahr? Das nächste Ziel ist dann, den ganzen Marathon zu Ende laufen und beim darauffolgenden Mal versucht man, eine gute Zeit zu erzielen.
-    Am Anfang nimmt man an einer Teegesellschaft teil.
-    Als nächstes, arbeitet man sich stufenweise vor, indem man an einer echten Teezeremonie teilnimmt und das korrekte Verhalten als Gast erlernt.
-    Das finale Ziel sollte sein, als Gastgeber bei einer Teezeremonie Gäste zu bewirten.
Wenn man so vorgeht, wäre das der ideale Verlauf.

Bei einer Übung Süßigkeiten und Tee zu verzehren ist quasi das Gleiche, als würde man eine Walking-Einheit als Training für den Marathon absolvieren. Betrachtet man die Dinge so, ist die Hemmschwelle, den Teeweg zu erlernen gar nicht so hoch.

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Foto 3: Teesüßigkeit aus „Soramame”, zu Deutsch „Ackerbohne“ (Süßigkeiten die zum Tee gereicht werden nennt man in Japan „Omogashi“)

Der Weg des Tees ist ein Gesamtkunstwerk und damit facettenreich und tiefgründig. Doch um mit dem Erlernen dieses Weges wie oben beschrieben zu beginnen, finden sich überall Anlässe. Am häufigsten kommt es vor, dass jemand über die Liebe zu japanischen Süßigkeiten ein Interesse dafür entwickelt. Es gibt auch viele Frauen, die mit dem Erlernen der Teezeremonie beginnen, weil sie sich eine Gelegenheit wünschen, einen Kimono zu tragen. Bei Männern ist häufig das Interesse an japanischer Architektur der Auslöser. Ich habe auch viele Geschichten gehört, bei denen durch das Leben im Ausland wie z.B. in Deutschland, bei Japanern Interesse für die eigene Kultur geweckt wurde. Heute gibt es auf der ganzen Welte eine Vielzahl an Personen – darunter auch Nicht-Japaner – die sich für den Weg des Tees interessieren und diesen beschreiten. Und natürlich gibt es auch viele, die Lehrmeister der Teezeremonie geworden sind. Der Teeweg ist Teil der japanischen Kultur, doch er ist heute eine weltweit anerkannte und begehrte Kultur. Wenn ich bei Ihnen mit diesem bescheidenen Text ein wenig Interesse für die Teezeremonie und den Teeweg wecken konnte, würde mich das sehr freuen.

Ich selbst praktiziere und erfreue mich am Weg des Tees.
Herzlichen willkommen in der komplizierten und doch so schönen Welt der Teezeremonie!