Aus der Kulturabteilung

Ein Bericht über die deutsche Oper

Akiko Uesaka (Ehemalige Vizeleiterin der Kulturabteilung)

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In deutschen Opernhäusern werden viele Stücke gezeigt, die keine klassischen Opern sind. Wenn man das so hört, denken viele bestimmt wie ich: “Ach, so? Na dann verstehe ich die Oper bestimmt nicht, wenn ich mir sie ansehen gehe.” Doch seit ich nach Deutschland gekommen bin, ist die Oper für mich zu etwas sehr Vertrautem geworden. Ich habe einmal vor 20 Jahren eine Oper in London gesehen, doch diese Erinnerung liegt in weiter Ferne und ich kann mich nicht einmal daran erinnern,  welches Stück gezeigt wurde. Wie kommt es also, dass die Oper heute für mich zu etwas geworden ist, dass mir so sehr am Herzen liegt? Als ich in Deutschland das erste Mal Verdis “Maskenball” gesehen habe, hatte ich tatsächlich das Gefühl, überhaupt nichts zu verstehen, obwohl ich mich zuvor im Internet ganz genau über das Stück informiert hatte. Die Sänger trugen normale Kleidung, die Handlung spielte in der Gegenwart, es wurde auf Italienisch gesungen und die Untertitel waren in deutscher Sprache gehalten. Anhand der Kostüme konnte ich die Rollenverteilung nicht vermuten und verstand also nichts, obwohl ich mich vorbereitet hatte und ich die wichtigen Punkte eigentlich hätte erkennen müssen. Mitten drin trat dann, zwar zur Rückseite der Bühne gewandt, doch völlig unbekleidet eine nackte Frau auf die Bühne. Was ist das denn? Nackt auf der Bühne? Da ich bei meinem ersten Opernbesuch in Deutschland nicht nur nichts verstand, sondern auch noch nackte Akteure auf der Bühne zu sehen waren, hinterließ sogar der Gesang einen ganz schlechten Eindruck bei mir.

Doch später lud mich eine Freundin ein, das Stück “Der feurige Engel” zu sehen und dies änderte meine Sichtweise auf die Oper schlagartig. Ich dachte mir, dass ich sicher wieder nichts verstehen würde und tatsächlich hatte man auch diesmal die Handlung, die im Originalwerk im Mittelalter spielt, in die Gegenwart versetzt. Doch die Handlung des Stücks, die sich in dieser Version um eine in geistige Heilanstalt aufgenommene Patientin  drehte, hielt Überraschungen bereit. Es war jedoch nicht der abweichende, vom Mittelalter in die Gegenwart versetzte, Schauplatz der Handlung, der mich überraschte, sondern wie realistisch die Darstellung war. Ehrlich gesagt hatte ich, als ich das Stück im Internet recherchierte, das Gefühl, dass es so kompliziert war, dass ich mir nicht einmal zugetraut hätte, die Handlung in der Originalversion nachverfolgen zu können. Manchmal ist die Inhaltsübersicht der Originalwerke so kompliziert, dass man sie sich nur schwer merken kann, doch in diesem Fall, erschien es mir, als sei die Handlung in der in die Gegenwart versetzen Version leichter nachzuvollziehen. Bei dem “Maskenball” hatte ich die Handlung gut verstanden und behalten. Doch ich konnte die deutschen Untertitel überhaupt nicht verstehen und fragte mich, welches Gefühl die Lieder, die dort vor meinen Augen gesungen wurden, zum Ausdruck bringen sollten. Was für ein Schauplatz war das dort? Als ich das Stück sah, war mein Kopf voll mit diesen Fragen und da mich das ziemlich ermüdete hatte ich am Ende das Gefühl, dass ich das Stück und auch die Musik nicht richtig genießen konnte. Opernkenner würden mir wohl bestimmt Blasphemie vorwerfen, doch ich bin der Meinung, dass wenn man versucht, die Oper nicht dem Originalwerk Wort für Wort nachverfolgend zu betrachten, sondern das Stück stattdessen, mit dem Eindruck “so ungefähr läuft die Geschichte ab” ansieht, gerade bei besonders schwierigen Handlungen, der eigenen Vorstellungskraft freien Lauf lassen kann. Es erscheint seltsam, aber als ich meine Ansicht auf diese Weise änderte,  konnte ich auf einmal das Schauspiel auf der Bühne und auch die schönen Lieder richtig genießen. Gibt es im Originalwerk beispielsweise die Rollen eines Königs, eines Prinzens und ihrer Gefolgsmänner ändern sich diese in der modernen Version in eine Firmenchef, seinen Sohn und die Angestellten des Unternehmens. Ein Bauer der sich im Mittelalter in ein Mädchen aus dem Dorf verliebt, wird in der neuen Version in einen Kellner geändert, der sich auf einer Hochzeitsparty in die Freundin der Braut verliebt. Der in früheren Zeiten häufig dargestellte Handlungsverlauf, bei dem ein Teufel erscheint, der sein Spiel mit dem Protagonisten spielt und versucht ihn vom rechten Weg abzubringen, wird viel realistischer, wenn die Handlung oder eine einzelne Szene vom Mittelalter in eine neuere Epoche oder in die Gegenwart verlegt wird.  Doch es geht nicht nur der Schauplatz der Handlung.  Ich habe z.B. auch solchen Stücke gesehen: Als sich der Vorhang öffnete wirbelten oberkörperfreie Männer Schaum auf und sprangen in ein Bad. Sie tranken dabei in kraftvollen Zügen Bier und aßen Snacks. Essen und Trinken auf der Bühne ist also alltäglich? Ich habe auch Szenen gesehen, bei denen eine Frau singt während sie ein gebratenes Hähnchen isst oder wie nach einer Tortenschlacht, die Sänger mit Creme bis in die Ohren hinein geschmiert ihre Lieder singen. Manchmal zynisch, manchmal lustig erstaunen und verblüffen einen diese einmaligen Aufführungen, doch genau deshalb machen sie Spaß. Viele dieser zeitgenössischen Opern arbeiten grundsätzlich mit nur einem Bühnenbild. Für jedes Stück konzentriert sich die Gestaltung der Bühne dabei auf ein bestimmten Thema. Bei “Don Carlos” werden die Gefühle des Sohnes, der mit seinem Vater um seine Geliebte streitet mit Fokus auf ein Bett auf der Bühne inszeniert. Und bei der Oper “Der Liebestrank” hat man, als sei der Liebestrank nur bloßer Wein, zahllose Weingläser von der Decke der Bühne herabgesenkt und rundherum Spiegel aufgestellt um die Wirkung von Licht und freiem Raum zu maximieren. Außerdem wurde jede Szene mit Blumen geschmückt. Es gibt auch Stücke, bei denen die Schauspieler von der Bühne herab ins Publikum steigen. Bei “Der goldene Hahn” erschien und verschwand eine in ein goldenes Vogelkostüm gekleidete Schauspielerin plötzlich innerhalb der Besucherreihen und ließ, das Krähen eines Hahnes nachahmend, ihre Sopran-Stimme erklingen.

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Bei diesen Stücken, die viel vergnüglicher waren, als erwartet, hatte ich am Ende das Gefühl, statt einer Oper ein zeitgenössisches Theaterstück zu sehen. Wahrscheinlich werde ich, wenn ich nach Japan zurückkehre und dort eine klassische Oper sehe, sogar das Gefühl haben, dass etwas fehlt. Ich habe auch schon einmal den Einwand gehört, dass die Verlegung des Schauplatzes in die Gegenwart und das Beibehalten ein und desselben Bühnenbildes aus Budgetgründen so vorgenommen wird. Doch die deutsche Opernszene verfügt dank dieser Gegebenheiten über niedrige Eintrittspreise und man kann das ganze Jahr hindurch verschiedene Stücke sehen. Verglichen mit Japan ist das ein wahrer Segen. Ich empfehle Ihnen, einmal ein deutsches Opernhaus zu besuchen. Am Anfang wundern Sie sich bestimmt ein bisschen, aber bedenken Sie, Sie müssen das Stück nicht “verstehen”! Wie wäre es, wenn Sie es einfach “fühlen” und mit Spaß genießen?