Aus der Kulturabteilung

Japanische und deutsche Geschichte - Ein Vergleich

Herr Koichi Sakai, Professor der philosophischen Fakultät der Soka Universität

In den etwa drei Monaten von Juni bis Ende August 2017 erhielt ich von der Universität an der ich in Vollzeit unterrichte Sonderforschungsurlaub und nutzte diesen für einen Aufenthalt in Düsseldorf, das mir wohl in Erinnerung geblieben ist. Ich schreibe, dass mir Düsseldorf wohl in Erinnerung geblieben ist, da ich von April 2000 an für ein Jahr an der Universität Bonn als Forschungsstudent eingeschrieben war und in dieser Zeit regelmäßig in Düsseldorf war. Ich hatte als Masterstudent im Studienbereich der mittelalterlichen Geschichte Japans an der Universität Tokio den Weg der Forschung eingeschlagen und ich empfand es als sehr erfrischend, aus Japan herauszukommen, in Deutschland zu leben und so von Außen die Geschichte und Kultur meines Heimatlandes mit neuen Augen zu betrachten. Un da ich das Leben in Düsseldorf tatsächlich als sehr angenehmen empfunden hatte und sich der Wunsch, gerne noch einmal in Deutschland zu leben verstärkt hatte, entschied ich mich für einen erneuten Aufenthalt.

Den Mitgliedern des Japanischen Clubs bin ich zu großem Dank verpflichtet, denn ich durfte vor Kurzem einen Vortrag halten und meine Forschungsergebnisse vor einer großen Anzahl japanischer und deutscher Zuhörer vorstellen. Diesmal habe ich die Gelegenheit erhalten, einen schriftlichen Beitrag zu verfassen, und ich möchte ihnen meine Gedanken im Folgenden kurz darlegen.

In Japan wurde ein Termin für die Abdankung seiner kaiserlichen Majestät, des Tenno festgelegt und im Jahr 2019 wird es somit einen Tenno im Ruhestand geben. Für einen Forscher der mittelalterlichen Geschichte Japans war dies zu Erwarten bzw. ist dies eine erfreuliche Überraschung. Wahrscheinlich habe nicht nur ich, sondern haben alle Forscher der mittelalterlichen Geschichte Japans in meinem Land so empfunden. Denn bis die Meiji-Regierung die Abdankung abschaffte, war es ganz selbstverständlich, dass ein Kaiser in Japan vor Ende seiner Lebenszeit abdankte und zu einem Tenno im Ruhestand wurde. Sowohl im Osten wie im Westen, sind die Moderne und die als Altertum, Mittelalter und Neuzeit bezeichnete Vormoderne fundamental unterschiedliche Zeitalter. In Japan beginnt die Moderne mit der Meiji-Restauration, doch dieser Zeitraum nimmt in der langen japanischen Geschichte bloß hundert Jahre und wenige Jahrzehnte ein.

In der Vormoderne nannte man die Regierungsform der Einzelherrschaft, in der ein abgedankter Tenno die Führung übernahm “Klosterherrschaft” (Herrschaft des im Kloster lebenden Kaisers). An den Schulen lehrt man, dass die mit dem abgedankten Tenno Shirakawa am Ende der Heian-Zeit beginnenden und bis zum Anfang der Kamakura-Periode andauernden 100 Jahre als “Zeit der Klosterherrschaft” bezeichnet werden, doch auch danach wurde das System der Klosterherrschaft fortgeführt und wurde die Standardform der japanischen Regierung. Zweifellos ist der an der Spitze des Staates stehenden offizielle Herrscher der Tenno. Doch der inoffizielle Herrscher, der Tenno im Ruhestand, führte als Autokrat die Regierungsgeschäfte weiter.

Wie ist die Situation wohl in Deutschland? In der Zeit von Otto I. und Heinrich IV. (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) sowie in der Zeit des deutschen Kaisers Wilhelm I. regierte der Kaiser über Könige und Fürsten und ähnelt damit in seiner Position scheinbar dem abgedankten Kaiser in Japan. Doch da der Tenno im Ruhestand seine Position an den amtierenden Tenno abgibt und damit eine inoffizielle Position einnimmt, unterscheidet er sich grundlegend von einem Kaiser. Die westliche Geschichtslehre ist mir nur wenig bekannt und es ist daher vielleicht nicht korrekt, dies zu behaupten, doch ich glaube, dass eine Regierungsform, bei der ein inoffizieller Regent über dem offiziellen Regenten steht und die Regierungsgeschäfte leitet, in Deutschland wohl eher selten vorkam. So betrachtet kann man die “Klosterherrschaft” wohl als eine sehr japanische Form der Regierung bezeichnen. Ich glaube, dass es auch im heutigen Japan Firmen gibt, bei denen der Firmenchef, unabhängig davon, ob er den Betrieb zunächst aktiv leitete, seine Position abgibt und als Vorstandsvorsitzender, in manchen Fällen in der Position eines Ratgebers, die Führung der Unternehmensgeschäfte übernimmt.

Als nächstes möchte ich die “Klosterherrschaft” von einem kulturellen Standpunkt aus betrachten.
Die Besonderheit der Klosterherrschaft war, dass der Tenno im Ruhestand (in der Fachsprache als “Chiten no kimi” bezeichnet) Wissen und Reichtum sowohl ansammelte wie auch verschwenderisch damit umgang. Tenno Shirakawa ließ zum Beispiel den heute nicht mehr erhaltenen großen Hoshoji-Tempel mit neunstöckiger, oktagonaler Pagode und die Toba-Residenz (nördlicher, südlicher und innerer Palast) errichten. In der Zeit von Tenno Go-Shirakawa wurde der “Hojujidono” als Residenz des abgedankten Tennos und der Tempels des Lotuskönigs (heute “Sanjusangen-do”) errichtet. So entstand in dieser Zeit ein kolossales Bauwerk nach dem anderen.

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Bild einer Rekonstruktion der Halle für Staatszeremonien des Toba Tenno (Bildungsrat der Stadt Kyoto)

Ich würde mich freuen, wenn Sie die Details in meinem bescheidenen Manuskript “Kultur des frühen Mittelalters” (6. Band des Iwanami Kurses Japanische Geschichte) nachschlagen würden. Als Beispiel für angesammeltes “Wissen” und “Reichtum” möchte ich in Bezug auf die Verbindung zur heutigen japanischen Kultur die Kunstform der Bildrollen anführen. Eine Bildrolle ist ein Kunstwerk bei dem Worte, die von einer Geschichte, einer Situation oder Personen berichten und den Bilder, die den Schauplatz dieser Handlungen darstellen, alternierend abgebildet sind. Eine solche Bildrolle ist in Ihrer Ausdehnung dutzende Zentimeter hoch und  dutzende Meter lang. Man erfreute sich an diesen Werken, indem man sie mit beiden Händen öffnete und gemäß dem Verlauf der Geschichte weiter und weiter nach links ausrollte. Da sich Wörter und Bilder abwechselten, bezeichnet man diese Bildrollen auch als Animationen der Antike und des Mittelalters. Man kann in ihnen auch den Ursprung der Subkultur Anime sehen, für die Japan heute weltberühmt ist.

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“Rengeoin” (Tempels des Lotuskönigs, heute als “Sanjusangen-do” bezeichnet, buddhistischer Tempel in Kyoto.)

In der Zeit der Klosterherrschaft im 12. Jahrhundert wurden, beginnende mit den vier großen Bildrollen “Shigisan-engi” (Entstehungslegende des Berges Shigi), “Ban Dainagon no ekotoba” (Bildererzählung von Ban Dainagon), “Genji Monogatari Emaki” (Bildrolle zum Roman vom Prinzen Genji) und “Choju-jinbutsu-giga” (Lustige Bilder von Mensch und Tier), zahlreiche Bildrollen geschaffen. Bei einem großen Teil dieser Werke war der Tenno Go-Shirakawa involviert. Als “Chiten no kimi”, als aus dem Kloster heraus regierender, abgedankter Tenno investierte er seine Autorität, Macht und finanziellen Einfluss so in die Ursprünge des heutigen Anime.

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“Rollbilder von der Entstehungslegende des Berges Shigi”: “Der Hauptmann von Yamazaki“

Auf der anderen Seite, sind religiöse Bilder mit christlichen Motiven unter den künstlerischen Werken des deutschen Mittelalters in äußerst großer Zahl vorhanden. Der Ausdrucksweise dieser Werke fehlt es an Lebendigkeit. Seit der Renaissance haben sich die Motive gewandelt und eine lebhafte Ausdrucksweise angenommen, doch ich denke, dass Werke, in denen sich ein handwerkliches Können konzentriert, dass einer Animation gleicht, eher selten zu finden sind. Vielleicht ist dies ein extremes Argument, doch ich glaube, dass in diesem Punkt, der Ursprung der heutigen kulturellen Unterschiede zwischen Japan und Deutschland zu finden ist.

In diesem Artikel habe ich anhand der als Japanisch zu betrachtenden “Klosterherrschaft” versucht, die Unterschiede zwischen Japan und Deutschland darzulegen. Ich möchte vorsichtshalber noch einmal bemerken, dass im heutigen Japan, in dem der Tenno als repräsentatives Symbol verstanden wird, eine Autokratie mit einem abgedankten Kaiser an der Spitze, sich nicht ereignen kann.