Aus der Abteilung für Alltagsleben

Wenn sich das Herz erholen muss – ein Bericht über Kunsttherapie in Deutschland

verfasst von Frau Yuko Miyata, Klinische Kunsttherapeutin M.A.
in der Psychiatrie- und Neurologie-Abteilung der Universitätsklinik Ulm

Kunsttherapie – diese Art der therapeutischen Behandlung ist in Japan noch recht unbekannt. In vielen Ländern Europas und Amerikas, z.B. in Deutschland, den Vereinigten Staaten und in England, hingegen wird Kunsttherapie im Bereich der geistigen Gesundheit vielfältig angewendet. Zum Beispiel in psychiatrischen Kliniken und Hospizen, bei der psychologischen Betreuung schwerkranker Patienten und ihrer Angehörigen in den Bereichen der inneren Medizin und Kinderheilkunde sowie in Wohltätigkeits- und Bildungseinrichtungen usw. Man nutzt Kunsttherapie bei der Behandlung von Depression, posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und Demenz und bei mehr als der Hälfte aller deutschen Psychiatrien und Abteilungen für Psychosomatik ist ein klinischer Kunsttherapeut, der eine Ausbildung an einer Facheinrichtung für Kunsttherapie absolviert hat, tätig. Als Teil einer stationären Behandlung im Krankenhaus kann eine Kunsttherapie im Rahmen der Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung gemacht werden.

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Grundsätzlich wird die psychiatrische Behandlung von Patienten in Japan und Deutschland ganz unterschiedlich gehandhabt. Leidet ein Patient in Japan unter einer Depression, ist eine Behandlung mit Arzneimitteln die Hauptmaßnahme. In Deutschland hingegen ist es Standard, bei einer depressiven Erkrankung mit psychotherapeutischen Mitteln zu arbeiten und viele Ärzte verfolgen die Richtlinie, sich bei einer Behandlung nicht auf Medikamente zu verlassen. Geht man in Deutschland durch die Straßen, sieht man häufig Arztpraxen, die Psychotherapie (psychotherapeutische Behandlung in Dialogform) anbieten.

Überdies haben sich in den vergangenen knapp 30 Jahren neben der dialogischen Psychotherapie weitere Formen der psychotherapeutischen Behandlung entwickelt. In Europa und den Vereinigten Staaten wurden in den letzten Jahren zum Beispiel auch Psychotherapiemethoden, die auf die Kreativität eines Menschen einwirken, wie Kunst- und Musiktherapie in die standardmäßigen Behandlungsprozesse integriert.

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Bei der Kunsttherapie können Patienten ihre Emotionen und, das was sie fühlen, durch Farben und geschwungene Linien repräsentieren oder durch Symbole, wie Landschaften oder Tiere, darstellen und damit frei ausdrücken.
Das Gefühl “Freude” zum Beispiel, hat unterschiedliche Aspekte: Leidenschaftliche Freude, wie die einer roten Rose in voller Blüte oder frische, klare Freude, die jungem Grün im Frühjahr gleicht. Mit Farben und Formen können Empfindungen und Gedanken, die mit Worten nicht zum Ausdruck gebracht werden können, reichen Ausdruck finden und die Besonderheit dieser Ausdrucksform ist es, dass sie Zugang zu tiefen Bereichen der Seele ermöglicht.

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Man muss bei der Kunsttherapie keine Erfahrung oder zeichnerisches Können mitbringen. Auch verfolgt man nicht das Ziel, fertige Kunstwerke zu kreieren, um diese anderen zu zeigen und strebt auch nicht danach, seine künstlerischen Fähigkeiten zu verbessern. Meine Patienten sagen zu Beginn der Therapie oft: „Ich kann doch gar nicht malen…“, aber darum geht es bei dieser Therapieform nicht. Man muss zunächst die Erwartungshaltung, gut zeichnen zu wollen und ein vollendetes Werk zu schaffen ablegen. Wichtig ist, dass die Dinge, die man ausdrücken möchte, frei und natürlich hervorsprudeln können und, dass man den Schöpfungsprozess des Werkes erlebt. Der erste Schritt der Therapie ist es, sich von der Rolle, die man im tagtäglich am Arbeitsplatz und zu Hause erfüllt, zu lösen und von der festen Vorstellung, die man von sich selber hat, für einen Moment Abstand zu nehmen, um damit zu seinem neutralen Selbst zurückzukehren. Die Materialien die dabei zum Einsatz kommen sind vielfältig. Es werden z.B. Acryl- und Wasserfarben, Wachsmalstifte oder Pastellkreiden, Ton und Holz verwendet. Während Sehvermögen und Tastsinn stimuliert werden, tastet sich der Patient mit der Unterstützung des Therapeuten an Bewusstseinszustände und Erkenntnisse, heran, die ihm zu einem angenehmen Selbstbild, einer neuen Selbstvorstellung oder dem Lösen von Problemen verhelfen.

Kunsttherapie hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. Wie uns die Wandbilder von Lascaux, die im Paläolithikum (Altsteinzeit) von einer frühen Form des Menschen geschaffen wurden, zeigen, versuchten Menschen in einer Zeit in der man noch keine Wörter oder Schriftzeichen kannte, sich selbst Mut zu machen und mit anderen Kontakt aufzunehmen, indem sie mit Tierknochen Musik machten, tanzten oder mit Steinen Figuren oder ihre imaginäre Vorstellung malten und zeichneten. Dieses Verhalten ist das gleiche, das ein Babys zeigt, bevor es Wörter verstehen oder sprechen kann. Es zeichnet mit den Fingern Formen oder singt Fragmente von Melodien. Ursprünglich ist die Fähigkeit, etwas Künstlerisches zu schaffen, nämlich ein fundamentales Ausdrucksmittel des Menschen, mit dem jeder ausgestattet ist. Kunsttherapie ist eine Form der Behandlung, bei der durch die Aktivierung dieses ursprünglichen künstlerischen Ausdruckes, das natürliche Wesen des Menschen zum Vorschein gebracht und der Patient zu einer gesunden inneren Balance hingeleitet wird.
Das Leben in Deutschland bietet die tolle Gelegenheit, dieses neue Gesundheitsverständnis kennenlernen zu können. Kunsttherapie wird nicht nur als eine übliche Behandlungsform im Krankenhaus angeboten. In Schulen und Wohltätigkeitseinrichtungen, in Krankenhäusern und Unternehmen werden Aktivitäten, die die Kunsttherapie aufgreifen, bei Events zur Gesundheitsvorsorge angeboten. Da auch Ausländer, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, Kunsttherapie leicht verstehen können, empfehle ich Ihnen, bei so einem Event mitzumachen, wenn sich in Ihrer Nähe die Gelegenheit ergibt. Außerdem ist im Jahr 2020 ein Workshop im Japanischen Club geplant, bei dem ich Grundelemente der Kunsttherapie vermitteln werde. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie dabei mitmachen und mit leichtem Herzen Spaß am freien künstlerischen Schöpfen haben würden.

Kurzer Lebenslauf der Autorin:

Yuko Miyata

Frau Miyata kam 2011 nach Deutschland und hat in Berlin und in der Nähe von Bremen Kunsttherapie studiert. Ihr Studium beendete sie erfolgreich mit einem Bachelor- und Masterabschluss. Zurzeit arbeitet sie als klinische Kunsttherapeutin an der Universitätsklinik Ulm.

Homepage: http://y-berlin.jugem.jp/