Ein Kunstspaziergang entlang des Rheins

Verfasst von Yoshiko Soga-Yoshida

Im Sonnenlicht des Frühsommers und mit einer sanften Brise im Rücken laufen Gattin und kleines Mädchen mit aufgespanntem Sonnenschirm und weißem Hut durch eine Wiese auf der Mohnblumen blühen. Ein berühmtes Ölgemälde von Monet.
An einem klaren Tag im Juni kann ich von meinem Balkon aus in der Ferne ein grünes Feld sehen, das von einem Gürtel roter Farbe durchzogen ist. Bei einem Spaziergang ging ich es anschauen und fand dort Mohnblumen zusammen mit Raps, die in voller Blüte standen und die gesamte Oberfläche bedeckten. Als ich in das Feld hineinging und inmitten der Blumen stehen blieb war es, als sei ich in Monets Welt.
Bei meiner ersten Begegnung mit Monets „Mohnfeld bei Argenteuil“ war ich in der 3. Klasse. Der Krieg war seit acht Jahren vergangen und es war eine Zeit, in der es noch nicht viele Drucksachen gab. Meine nach Hause zurückgekehrte Schwester hatte ein gedrucktes Bild mitgebracht und es an unsere Schranktüre geheftet. Dass dieses Bild von Monet war, erfuhr ich, als ich in der Oberschule Mitglied im Kunst-Club wurde. Ich werde nie vergessen, wie bewegt ich war, als ich das Bild in einem Künstleralbum entdeckte. Nach meinem Universitätsabschluss dachte ich, dass ich die materielle Qualität von Monets Bilder unbedingt einmal mit eigenen Augen sehen wollte und beschloss, ein Austauschstudium in Paris zu machen. Zu dieser Zeit war es endlich erlaubt, Fremdwährung mitzuführen. Vom Hafen in Yokohama aus ging es nach Nachodka. Mit der sibirischen Eisenbahn fuhr ich weiter nach Chabarowsk und flog von dort aus mit dem Flugzeug nach Moskau. Im Pushkin-Kunstmuseum entdeckte ich das mit blassen Pastellkreiden gemalte Bild eines Weizenfeldes von Van Gogh, das ich zuvor in einem Kalender gesehen hatte und seit dem nicht vergessen konnte. Als ich den Farbauftrag des Bildes von Nahem betrachtete, empfand ich den Einsatz der Farben als ganz besonders. Ich bekam meinen Anschlusszug und erreichte einige Tage später Paris, in dem die herabfallenden Blätter der Platanen-Bäume tanzten. Ich erinnere mich daran, wie die erhabene Form des Louvres und die immense Anzahl und Herrlichkeit der dort ausgestellten Werke mich bewegt haben.
Heute habe ich in Düsseldorf ein Atelier in der Nähe des Rheinufers. Da die Kunstmuseen hier fast alle am Rhein gelegen sind, gehe ich bei einem Spaziergang oft bei ihnen vorbei. Am nächsten gelegen ist das „Museum Kunstpalast“. Es ist nicht besonders groß, doch wie in einem Gemischtwarenladen gibt es alles, was man sich vorstellen kann. Dies reicht von christlichen Skulpturen bis hin zu Video-Installationen zeitgenössischer Künstler. Außerdem sind auch viele „Ukiyo-e“ (japanische Farbholzschnitte) und in äußerst detailreichem Kunsthandwerk angefertigte „Netsuke“ (kleine geschnitzte Figuren, die als Gegengewicht eines „Sagemono“, eines kleinen Behältnisses, am Gürtel eines Kimonos befestigt wurden) ausgestellt. Besonders interessant ist die niederländische Malerei des 16. Jahrhunderts. Es gibt sorgfältig gezeichnete Stillleben mit Früchten und Jagdbeute. Mich zieht die Sinnlichkeit der einzelnen Trauben oder die stämmige Vitalität der Muskeln von Rubens Figuren und ihrem weichen blonden Haar besonders an. Als ich in einem Ausstellungsraum mit islamisch-arabischen Schriftzeichen auf das Tagebuch-Werk meines Mannes Yoshio Yoshida stieß, war ich sehr überrascht. Es war eine Ausstellung, bei der das Thema Schriftzeichen der gemeinsame Punkt der Werke waren.
Außerdem gibt es einem Raum, in dem ein Besen in eine Ecke gestellt wurde. Diesen Besen hat nicht etwa eine Reinigungskraft dort vergessen. Er ist ein Werk des berühmten deutschen Künstlers Beuys von dem der Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ stammt. Außerdem verfügt die Ausstellung über Werke, von Künstlern, die hauptsächlich in Deutschland aktiv waren. Es gibt Portraits von Friedrich Wilhelm von Schadow, nach dem auch eine Düsseldorfer Straße benannt ist und zahlreiche Werke von deutschen Expressionisten, wie Alexej von Jawlensky und Ernst Ludwig Kirchner. Die Ausstellungsabteilung mit Glasbildern kann zu jeder Zeit kostenfrei besucht werden.
Neben dem „Kunstpalast“ gibt es ein Gebäude, das aus den gleichen Backsteinen besteht. Es ist das „NRW Forum“ in dem Fotoausstellungen gezeigt werden. In dem von einem Baldachin gezierten Konzertsaal „Tonhalle“, der direkt vor Oberkassler-Brücke gelegen ist, werden ebenfalls Glasbilder ausgestellt. Das eindrucksvolle, auf der anderen Seite der Brücke gelegene Gebäude im alt-griechischen Stil ist die Düsseldorfer Kunstakademie. Es kommen junge Menschen aus der ganzen Welt hierher um zu studieren und die nächste Generation von Künstlern zu werden. Im nah gelegenen Park des „Ehrenhofs“ ist es eine Frauen-Skulptur von Aristide Maillol aufgestellt und neben dem Teich des Kö-Bogens kann man ein Werk von Henry Moore bewundern.

S.7 links untenBetritt man die Altstadt trifft man auf ein modernes Granitgebäude, das „K20“. Hier sind Werke verschiedener Vertreter der Kunst des 20. Jahrhunderts zusammengestellt. In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts versammelten sich Künstler aus ganz Europa in Paris. In Gemeinschaftsateliers führten sie ein Leben in ärmlichen Verhältnissen und beeinflussten sich gegenseitig. Diese Zeit brachte viele Künstler mit starkem Charakter, wie z.B. Picasso, Modigliani, Gris, von Gogh und Matisse hervor. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr die amerikanische Pop-Art anlässlich des 2. Weltkrieges  einen Aufschwung. Man kann sagen, dass Picassos Kunst zur Genialität reifen konnte, weil er verschiedene Stilrichtungen durchlief. Eines der hier ausgestellten Werke Picassos, das Bild „Frau vor dem Spiegel“, trägt Spuren mühevoller Nachbesserung. Ich glaube, dass gerade diese Spuren dem Bild Charakter verleihen und es umso mehr vervollständigen. Aus der Perspektive des Genies gibt es aber natürlich keine Nachbesserungen - es folgt stets nur der Unvermeidlichkeit.

S.7 rechts oben
Immer wenn ich das große Werk „Die Terrasse von Vernon“ von Pierre Bonnard sehe, entdecke ich das Echo frischer Farben. Die in der Überlagerung der herben Farben von Himmel, Meer und Bäumen verbliebenen Pinselstriche und die orange Farbe der Veranda, lässt einen das Licht und Luft Südfrankreichs spüren. Es ist ein fantastisches Werk. Nach der Weltausstellung in Paris im Jahr 1889 kam der Stil des Japonismus in Mode. Auch Bonnard zählt zu den Malern, die von dieser Stilrichtung beeinflusst wurden. Fernand Léger, der in seinen Bildern gerne Baustellen und Maschinen in zylindrischen Formen darstellte, fand später Interesse am menschlichen Körper und fertigte das Werk „Adam und Eva“ an. Es zeigt ein an ein Kruzifix erinnerndes Kantholz und zwei stämmige Personen, die durch ein schlangenartiges Tier miteinander verbunden sind. Den präzisen Aufbau von Form und Farben des Bildes kann man als höchste Kunst der Malerei bezeichnen. Im K20 gibt es außerdem auch einen Raum mit einer Kollektion von Werken des Malers Paul Klee.
Das Aufkommen der Acrylfarbe wurde zu einem Wendepunkt, der die Qualität der Malerei in großem Maße verändert hat. Die Leinwand wurde nun mit purer Farbe überschüttet, betropft und abfotografiert – die Techniken wurden aktiver. Vertreter der Pop-Art waren u. a. Andy Warhol, Jackson Pollock und Roy Lichtenstein.
Vor dem „K20“ befindet sich das „Kunsthaus“ in dem der Verein der Kunstliebhaber Ausstellungen zeitgenössischer Künstler zeigt. Und in der Nähe des Rathauses, nah am alten Hafen gelegen, liegt das deutsche Keramikmuseum „Hetjens-Museum“. Ausgestellt werden neben archäologischen Töpferwaren auch Keramik und Porzellan aus dem Nahen und Mittleren Osten und Asien sowie Meißner Porzellan. Ganz in der Nähe liegt auch das städtische Kunstmuseum, das lokale Künstler präsentiert. Geht man von hier aus in Richtung des am Rhein gelegenen Fernsehturms erscheint am Fuß der Rhein-Knie-Brücke das ehrwürdige, von einem dichten Wäldchen umringte Kunstmuseum „K21“ vor dem sich ein großer See ausbreitet. Dort findet man Künstler, die sich bereits vom Gemälde entfernt haben und größtenteils den Raum an sich als Fläche für Kunst betrachten. Sie nehmen eine Baustelle, ein Holzlager, eine von Spinnennestern überzogene Scheune, Flaschen oder Mülltüten und rekonstruieren sie in einem von schönen Wänden begrenzten Raum. Dinge, die einst als am weitesten von Kunst entfernt angesehen wurden, werden durch das Aufstellen an einem anderen Ort, mit anderen Worten, durch das Aufstellen im Kunstmuseum, zu einem Kunstwerk. Es scheint, als ob die Künstler einen Bewusstseinswandel beim Betrachter auslösen möchten… Der Betrachter kann das Kunstwerk mit großer Ernsthaftigkeit ansehen oder sich ihm mit Verspieltheit nähern. Ich glaube, man sollte sowohl die Malerei als auch andere Kunstwerke als reines Werk, mit eigenen Augen und in aller Ruhe betrachten. Auf welche Weise der Künstler versucht die Welt zu verstehen und was für einem Prozess diese Anstrengung unterliegt, wird sich einem von selbst in dem Kunstwerk offenbaren.

Künstler-Atelierhaus 
Sittarder Str. 5
40477 Düsseldorf