Aus der Kulturabteilung: Gedanken zu meinem Leben mit der Musik

Kulturabteilung / Gedanken über mein Leben mit der Musik

Konzertmeisterin Frau Chisato Yamamoto

Haben Sie in Deutschland schon einmal die Oper oder ein klassisches Konzert besucht? Deutschland ist ein Land mit so vielen Theatern und Orchestren wie sonst keins auf der Welt. Nicht nur in Großstädten wie Berlin, München und Hamburg oder in den NRW-Städten Düsseldorf, Köln, Essen und Dortmund, auch in mittelgroßen Städten, wie Hagen oder Remscheidt, gibt es Schauspielhäuser. Ich denke, das zeigt, wie tief verwurzelt die Musik im Leben der Menschen ist.

Vor mehr als 20 Jahren habe ich meine Arbeit im Orchester eines Theaters aufgenommen. Man wundert sich selbst, wie schnell die Zeit vergeht, aber auch heute macht mir meine Arbeit Spaß. Ich kann nichts anderes sagen, als, dass ich mich gesegnet fühle, weil ich meine Liebe zur Musik – mein Instrument ist die Violine – zu meinem Beruf machen konnte. Wenn ich sage, dass ich Musikerin bin, machen die Leute manchmal große Augen und fragen: „Kannst du denn davon leben?“

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Ich spiele im Orchester des Theaters der beiden Städte Krefeld und Mönchengladbach. Da es zwei Aufführungsorte gibt, kommt es auch vor, dass man sich aus Versehen vertut und in die falsche Stadt fährt. Mir selbst ist das zwar noch nicht passiert, aber dafür das Folgende. Es war eine Abendvorstellung in Krefeld. Mit dem Auto brauchte ich von zu Hause bis zum Aufführungsort ca. 30 Minuten. Ich war richtig spät dran, schnappte mir den Violinenkoffer und beeilte mich, schnell zum Theater zu kommen.  Ich schaffte es glücklicherweise noch rechtzeitig. Doch als ich im Warteraum den Koffer öffnete, war er leer! Nachdem ich zu Hause geübt hatte, hatte ich wohl vergessen, die Violine in den Koffer zurück zu legen. Es waren nur noch 5 Minuten bis zum Beginn der Vorstellung und ich musste von Anfang an spielen. Wäre ich nach Hause gefahren, wäre ich eine ganze Stunde zu spät gekommen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, doch als ich das noch dachte, lieh mir ein befreundeter Violinist aus Krefeld sein Instrument. Er kümmerte sich nicht darum, dass er selbst zu spät kommen würde und ging zu sich nach Hause, um seine zweite Violine zu holen. Er hat mich damals wirklich gerettet. Dieser Freund ist vor einigen Jahren leider an einer nicht heilbaren Krankheit verstorben, aber ich erinnere mich noch heute an seine Freundlichkeit.

Es wird oft gesagt, dass Musik die Welt verbindet. In unserem Orchester sind ca. 80 Musiker. Neben Deutschen, sind Musiker aus Europa, wie z.B. Polen, Italien, Spanien vertreten, aber auch die Länder Korea, Japan, Mexiko und Australien sind vertreten. Insgesamt treffen bei uns 24 verschiedene Nationalitäten aufeinander. Dass Menschen, die mit so unterschiedlichen Sprachen und Kulturen aufgewachsen sind, durch Musik gemeinsam ein Werk – sei es eine Symphonie von Beethoven oder eine Oper von Tschaikowsky – zum Leben erwecken können ist faszinierend, nicht wahr? Nicht nur die Nationalitäten sind unterschiedlich, auch viele verschiedene Altersgruppen sind vertreten. Es gibt bei uns junge Leute in den 20er und auch 66-jährige, die kurz vor der Pensionierung stehen. Es treffen Personen mit wirklich ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten aufeinander, doch da die Atmosphäre ist trotzdem angenehm ist, gehe ich auch nach 20 Jahren immer noch gerne zur Arbeit. Manchmal gehen wir auch in einer kleinen Formation und Kindergärten oder Grundschulen. Wir spielen Mozarts „Kleine Nachtmusik“, die Sie bestimmt kennen oder Bachs „Air auf der G-Seite“ und erklären, wie die Instrumente entstanden sind und wie sie aufgebaut sind, was den Kindern immer sehr viel Spaß macht. Manchmal bringen wir kleine Instrumente mit und lassen die Kinder der Reihe nach darauf das Spielen ausprobieren. Wenn wir sehen, wie interessiert sie daran sind, haben auch wir großen Spaß. Wir waren einmal in einem Kindergarten und erklärten den Kindern wie immer, wie sie die Violine halten und wie sie auf ihr spielen sollten, da war ein Kind so eingenommen davon, dass es selber Töne produzieren konnte, dass es sich immer wieder anstellen wollte, wenn seine Zeit vorbei war. Die Kindergartenlehrerin war später ganz überrascht, dass dieses Kind, dass stets unruhig war, sich so für eine Sache begeistern und darauf konzentrieren konnte.

Vom März bis zum Sommer dieses Jahres, in der Zeit, in der aufgrund der schwierigen Lage ausgelöst durch das Coronavirus keine Besucher in Altenheimen zugelassen waren, haben wir in den Gärten solcher Einrichtungen, unter Einhaltung des Mindestabstandes und in kleiner Formation, Konzerte gegeben. Ein Glück, dass wir in diesem Jahr so viele Tage mit schönem Wetter hatten. Wir sind auch in Einrichtungen für Menschen mit körperlicher Behinderung gegangen und egal wo wir hingingen, jeder auf den wir trafen hatte zwar einen anderen Ausdruck dessen, doch man merkte stets, dass die Musik die Menschen von Herzen erfreute. Auch wenn wir diese Besuche nur eine kurze Weile durchgeführt haben, bin ich sehr froh, dass wir es gemacht haben.

Seit meiner Kindheit habe ich viele Jahrzehnte die von mir geliebte Musik gespielt und bin zu dem Schluss gekommen, dass das, wirklich Wichtige daran ist, Menschen durch Musik mitzuteilen, was mit Worten nicht gesagt werden kann. Natürlich muss man fehlerfrei und nach Noten spielen können, doch das allein reicht nicht aus, damit Musik entsteht. Ein Buch von Louis Graeler, den ich zur Zeit meines Studiums in Japan ein wenig kennenlernen durfte, trägt den Titel: „Die Violine ist leicht; Musik aber schwierig“. Es ist ein sehr interessantes Buch. Ich glaube, dass ich die Tiefe, die dem Titel innewohnt und die mir damals nicht klar war, nun verstanden habe. Ich denke, es ist noch ein langer Weg, aber ich möchte auch in Zukunft weiterhin auf meine eigene Art und Weise gute Musik machen.

Mönchengladbach, November 2020