Was wir von Frosch und Kröte lernen können

Aus der Abteilung für Alltagsleben - Was wir von Frosch und Kröte lernen können


Frau Akiko Honda

„Als ich heute Morgen aufwachte, schien die Sonne, und ich fühlte mich gut.
Es fühlte sich gut an, ein Frosch zu sein.
Und ich habe dich als meinen Freund
Als ich das gedacht habe, war ich froh."
Diese Worte spricht der Frosch in der Geschichte „Allein” in dem Buch „Frosch und Kröte”

Im März besuchten mein Sohn und ich eine Arnold Lobel Ausstellung in Tachikawa in der Präfektur Tokio. Arnold Lobel war ein amerikanischer Bilderbuchautor, der Tiere sehr liebte, selbst viele Tiere hielt und viele Bücher schrieb, in denen Tiere vorkamen, wie z. B. „Bei Eule zu Hause." oder „Das Schweinchen". Die „Kröte und Frosch"-Reihe, die das tägliche Leben zweier Frösche schildert, die vom Charakter und Aussehen her völlig gegensätzlich sind, aber rücksichtsvoll miteinander umgehen, ist eine der bekanntesten Geschichten der Reihe, und einige von Ihnen haben sie vielleicht schon einmal gelesen. Ich hatte schon mehrmals das Vergnügen, bei den Besuchen der Vorleserunde des Japanischen Clubs an Grundschulen Geschichten aus der „Kröte und Frosch”-Serie mit einem grossen Papierbilder-Schaukastentheater zu zeigen und vorzulesen.

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Vor zehn Jahren, am 11. März, erschütterte die schwere Erdbebenkatastrophe in Ostjapan die Tohoku-Region. Durch das Erdbeben und den Tsunami sind viele unersetzbare Menschenleben verloren gegangen. Zur gleichen Zeit war ich in Tokio und brachte mein erstes Kind zur Welt. Mein Sohn, der viel weinte und nur schwer zu beruhigen war, hörte mit dem Weinen auf, wenn ich ihm ein Bilderbuch vorlas, und so konnten wir eine friedliche Weile als Mutter und Kind miteinander verbringen. Da ich dachte, dass es vielleicht andere Mütter in einer ähnlichen Situation gibt, habe ich das „Tora-chan-Projekt" ins Leben gerufen, bei dem wir alle zwei Monate ein Bilderbuch an eine Familie mit einem kleinen Kind die in der Tohoku-Region lebt schicken. Jedes Mal, wenn ich eine Nachricht von jemandem erhielt, wie z. B. : „Wenn ich ein Bilderbuch aufschlage, fühle ich, dass ich durch die Hilfe vieler Menschen am leben bin.", konnten auch wir, die Absender, mit den Menschen, die an einem anderen Ort waren, eine Verbindung aufbauen und an die Stärke dieser Verbindung glauben.

Als der Frosch erfährt, dass die Kröte auf einen Brief wartet, der nie ankommt, egal wie lange sie wartet, eilt er nach Hause und schreibt der Kröte einen Brief. Die beiden Tiere warten dann gemeinsam auf den Brief und freuen sich füreinander, als sie den Brief empfangen. Das ist die Geschichte „Der Brief” aus der „Kröte und Frosch”-Serie. Jedes Mal, wenn ich sie lese, werde ich daran erinnert, wie mir vor 10 Jahren bewusst wurde, welche Freude es macht, durch das denken an jemand anderen, sich miteinander verbunden zu fühlen.

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Und im vergangenen Jahr wurden wir Menschen einer noch nie dagewesenen Bedrohung ausgesetzt. Wenn wir die Welt betrachten, sehen wir nicht nur die Coronavirus-Pandemie, sondern auch Katastrophen, Armut, Kriege und andere traurige Ereignisse, die sich jeden Tag ereignen. Bisher erschienen diese Dinge aber wie Geschichten aus einer fernen Welt. Doch jetzt, da wir wissen, wie leicht man in einem Zustand der Angst, in dem nichts vorhersehbar ist, verfallen kann, glaube ich, dass wir nun noch deutlicher spüren können,  wie kostbar der gewöhnlichen Alltag mit unseren Lieben doch ist,

„Ich wollte darüber nachdenken, warum alles und jeder so wunderbar ist." (Aus der Geschichte „Allein")

Es ist ein ganz normaler Tag. Als ich meinen Sohn an der Hand  hielt und Frosch und Kröte betrachtete, wie sie Schulter an Schulter saßen, dachte ich darüber nach, wie viele Wunder zusammenkommen mussten, damit dieser Moment stattfinden konnte. Und wieder erinnern mich Frosch und Kröte daran, darüber nachzudenken,  was ich jetzt für jemanden tun kann, der an einem anderen Ort ist.

Zitate aus: Arnold Lobel, ins Japanische übersetzt von Taku Miki
„Frosch und Kröte zusammen”, „Allein”, Bunka Verlag (Japan)