Aus der Kulturabteilung - Der Haiku-Wettbewerb

Nihonjinkaiho Nr.170 - Februar 2022: Aus der Kulturabteilung - Der Haiku-Wettbewerb

Haiku-Wettbewerb
Der 2. Haiku-Wettbewerb hat stattgefunden. Diesmal wurden 30 Haikus von Mitgliedern des JC und von Förderorganisationen über Weihnachten, lustige Veranstaltungen an Neujahr und den Kampf gegen die Langeweile während Corona gesammelt. Die erste Zoom-Veranstaltung im letzten Jahr „über das Jahreszeitengefühl der japanischen Kultur und den Verlust der Helligkeit“ wurde von Professor Ryoto Aoki, außerordentlicher Professor der Ehime Universität, vorgetragen. (Kulturabteilung: Y.K.)

[Lesen Sie sich gerne die eingereichten Haikus durch]
1. Zwei sehr interessante Werke
Es gibt viele Möglichkeiten, Haikus zu schreiben und sich auf eine einzigartige Weise auszurücken. Es geht hierbei nicht darum, die ganzen eigenen Gefühle auszuformulieren, sondern die Wörter so aufeinander abzustimmen, dass die Leser es auch ohne diese Worte empfinden können. Schauen wir uns das Werk von Umeko, einem Mitglied einer Theatertruppe, mal an.

Guryūwain kaoru ichiba no fuyuyūyake
„Das winterliche Abendrot des nach Glühwein duftenden Marktes“

Es ist eine Szene auf dem Weihnachtsmarkt, nicht wahr? Wenn Sie über den Markt gehen, verbreitet sich der Geruch von Glühwein in der Luft, der von den Ständen und Tassen der Besucher herweht, sodass Ihnen der Duft die Ankunft der Weihnachtszeit spüren und festellen lässt.
Gerade zu solch einer Zeit färbt die untergehende Sonne der Abenddämmerung den kalten Winterhimmel rot und die Lampen an den Marktständen wirken allmählich heller. In den eintönigen Wintertagen Deutschlands scheint das Hellrot des im Sonnenuntergang gefärbten Winterhimmels und das Rot des Glühweins die Wärme in der Kälte spüren zu lassen. In der Weihnachtszeit hat die in der Kälte umschlungene Stadt ihre Farben wiedererlangt, und Sie können diesen wunderschönen Moment sowohl mit den Augen als auch mit den Ohren genießen.

Das Haiku von Umeko erklärt nicht direkt, sondern zeigt nur durch den „nach Glühwein duftenden Markt“ und dem „winterlichen Abendrot“ auf die Situation, während sich die Leser die oben genannte Atmosphäre vorstellen. Ich finde, auch Umekos andere Werke wie „Das Acrylweiß vom Bart des Weihnachtsmannes“, „Der Christstollen und gerösteter Milchtee am frühen Nachmittag“ usw., besitzen Ausdrucksformen, die einzigartig für Haikus sind.

Koala Mutsus Werk war ebenfalls ein interessantes Haiku, jedoch in einem anderen Sinne als Umekos Werke.

Kūbaku biru yori kansuzume a wo zora he
„Ein Winterspatz vom luftbombadierten Gebäude zum Himmel hinauf”

Bezieht sich das Gedicht auf die Überreste des Gebäudes vom NATO-Luftangriff in Belgrad? Nichts weiter als ein Winterspatz fliegt über die eingestürzten Mauern in den blauen Himmel. Ein dicker Winterspatz ist mal hier und da, aber die Tatsache, dass der Vogel von nichts anderem als dem „luftbombadierten Gebäude“ wegflog, war ein Ereignis, das nicht erlebt werden konnte ohne vor Ort zu sein und sich das Gebäude tatsächlich anzusehen. Der Autor wollte diese unmittelbare Empfindung mit dem direkten Ausdruck des zertrümmertem Gebäudes vermitteln. Mutsus andere Werke „Die heilige Messe im tiefen Schnee, alle stehen still“ und „Sonnig in Sarajevo, dann Schneeregen in Belgrad“ haben ebenfalls eine tiefere Bedeutung. Es wirkt so, als ob der Autor diese Orte wirklich wahrgenommen hat und überraschte uns mit einem Gefühl, wirklich dabei zu sein, als die ins Auge gesprungenen Szenen niedergeschrieben wurden.

2. Über Eure Werke
Nachfolgend finden Sie Ihre Haikus mit jeweils einer kurzen Anmerkung.

• „Misuzukaru Shinano no zōni umi wo koyu“ - Rieko Kutsukake
„Das Meer aus Zōni von Misuzukaru in Shinano durchqueren“

Misuzukaru“ ist ein Begriff, das seit den Tagen von Manyōshū (japanische Gedichtsammlung aus dem 8. Jhd.) als schmückendes Beiwort in der damaligen Provinz Shinano (heute Präfektur Nagano) gesungen wurde. Haben Sie in Deutschland schon mal die in Nagano beheimatete Zōni (Suppe mit Reiskuchen und Gemüse) probiert? Die Bezeichnung „Umi wo koyu“ schwingt seit dem Altertum mit dem Ausdruck „Misuzukaru Shinano" im Japanischen mit.

• „Shimobashira kajikamu kutsu de funde miru“ - Fujisan
„Der Versuch mit dem Schuh auf den vor Kälte erstarrten Raureif zu treten“

Eine Szene am Morgen und Vormittag, nicht wahr? Mitten im Winter, wenn die Kälte durch die Schuhsohlen in die Füße klettert und man das Gefühl bekommt, aus Neugier heraus auf den Raureif zu treten.

• „Darukarē kokonattsukarē jawakarē“ - Yumemi Honda
„Dalcurry, Kokoscurry, Javacurry“

Apropos Gewürzgerichte, Currywurst ist auch lecker.

• „Wakuchin no kōka kinen shi kurisumasu“ - Tarō Kuma
„Ein Weihnachten, um für die Wirkung des Impfstoffs zu beten“

Den Glauben an einen Impferfolg kann man mit dem Wunsch nach einem geselligen Beisammensein verstehen, bei dem man wieder Zeit zusammen verbringen kann. Das Gedicht erzählt die derzeitige Lage vom unklaren und unsicheren Gefühl das in der Luft liegt.

• „Samuzora ni kata wo yose au hitsuji kana“ - Issa Fukazawa
„Schulter an Schulter gedrängte Schafe am kalten Winterhimmel“

Es kann eine tatsächliche Landschaft einer Schafherde sein, oder auch eine metaphorische Bezeichnung der Stadtmenschen als „Schafe“. Ich persönlich finde die Szene interessanter, in der die Schafe tatsächlich als Herde herumlaufen.

• „Rukkora de nantoka naru ka to nankusagayu“ - Aruaru Kaigai
„Reisbrei mit sieben Frühlingskräutern mit so etwas wie Rucola“

Ich könnte den Reisbrei nicht mit allen sieben Frühlingskräutern zubereiten. Aber wenn man eins durch Rucola ersetzen würde, wäre wäre es möglich den „Nankusagayu“ Reisbrei mit sieben Kräutern zu machen. Welche Zutat fehlte hier wohl? Baumwollgras oder Taubnessel, vermute ich.

• „Wakibara ni tsuita o-niku wa shutōren“ - Kuishinbō („Vielfraß“)
„Der Hüftspeck an der Seite ist Christstollen“

Es ist schwer, den Speck an den Seiten wieder loszuwerden, passen Sie also gut auf sich auf.

• „Gantan ni doitsu de taberu o-mochi kana“ - Heimweh
„Isst man in Deutschland wohl Reiskuchen am Neujahrsmorgen?“

Ich möchte dieses Haiku zusammen mit dem Pseudonym "Heimweh" des Autors genießen. Reiskuchen ist tatsächlich ein sehr nostalgisches Essen im japanischen Alltagsleben, aber bitte achten Sie darauf, es wegen dem Geschmack und der Nostalgie nicht zu viel zu essen.

• „Rōsoku to ōfun no hi adobento”- RY
„Das Adventslicht der Kerzen und des Ofens“

Kerzen, Ofen, Adventskalender ... Eine schöne Art, den Dezember in Deutschland zu verbringen, nicht wahr?
• „Kyū man yen no kōkyū o-bushi purezento ko mikaku shikaku no zōkanari“ - Sei Bartsch
„Ein 90.000 Yen wertiges Osechi als Geschenk steigert den Geschmackssinn und das Sehvermögen“

Ein 90.000 Yen (ca. 650€!) Osechi (festliches Essen zu Neujahr in Japan) ist unglaublich. Welches Essen wurde da verwendet und wie gut musste es ausgesehen haben? „Steigert den Geschmackssinn und das Sehvermögen“ ist eine interessante Formulierung.

• „Tsurisen wo 'chigau' to iezu fuyu no ichiba (marukuto)“ - Kōran
„Ein Wintermarkt, wo es kein 'falsches' Wechselgeld gibt“

War es nicht genug oder war es zu viel? Auch wenn es nicht genug war, ist der Betrag so klein, dass man dazu lieber nichts sagt. Es ist in einem Haiku interessant zu lesen, wie man in der eindrucksvollen Atmosphäre eines „Wintermarktes“ in einen leichten Konflikt geraten kann.